Tänzer Shi-Ping Lin bei den Proben zu RAPE & CULTURE – Foto: Max Ott

 

„Wie gut sind seine Kontakte? Kann er mir schaden?“

Für unsere Produktion RAPE & CULTURE haben wir Künstler*innen gebeten, uns von ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch zu erzählen. Hier spricht Bettina, die in Wahrheit einen anderen Namen trägt

Gespräch: Tom Wilmersdörffer – Redaktion: Philipp Nowotny

Es hat vor einem Jahr angefangen. Ich hab eine Privatnachricht über Facebook bekommen. Ein Dirigent, mein Alter ungefähr, aus Ost-Deutschland. In der Nachricht hat er mir ganz viel Honig um mein Maul geschmiert, in einer ganz seltsam übertriebenen Sprache, um besonders zu wirken, möglichst viele Fremdworte drin. Er würde sich doch wünschen, dass mal eine deutsch-deutsche Zusammenarbeit möglich wäre. Oh Gott, wer sagt denn so eine Scheiße?

Ich dachte: Na komm, ich muss ja nicht mit dem best friends werden. Hab ihm freundlich und formell zurückgeschrieben, dass mir das über Facebook gar nicht so lieb ist, weil das mein Privataccount ist. Dann verlagerte sich das Ganze auf WhatsApp. Wo ich mir noch nicht viel bei dachte. Mit den meisten Dirigenten duzt man sich sowieso. Es war locker, und für mich war ganz klar: Es geht um ein Konzert. Da war ich die Einzige, die so dachte.

Er wollte in ein Konzert von mir kommen, das – Gott sei Dank in der Hinsicht – wegen Corona ausfiel. Danach wurde es seltsam. Das bahnte sich erst langsam an mit ein paar Komplimenten. Ach, schöne Frau. Dann wollte er rauskriegen, ob ich einen Freund habe. Bis ich gefragt wurde, welche BH-Größe ich habe. Ganz seltsam, das passierte so plötzlich, ohne dass man wusste, wie.

Ich hab immer wieder probiert, zurückzukommen zu diesem Konzert, das wir zusammen machen wollten. Es war nie klar, was der Typ jetzt eigentlich will. Er hätte immer die Chance gehabt, schnell wieder umzuschwenken und zu sagen: Ja, es geht ja hier um ein Konzert.

Es war nicht so, dass wir jeden Tag die ganze Zeit geschrieben haben. Manchmal war es sehr intensiv, dann wieder vier Wochen Ruhe. Ich dachte irgendwann: Ach, das läuft sich aus und ich hab meine Ruhe. Ich dachte auch, der ist nicht ganz klar in der Birne. Denn der hat offensichtlich ein ganz großes Problem mit Geltung. Der will sich sehr, sehr wichtig machen. Mit wem und was er schon alles gemacht hat. Was man von ihm alles lernen könnte. Zu mir sagte er so Sachen wie: Das kannst du nicht, du bist ja nur Sopran. Oder: Schätzchen, wie willst du dich denn um die Texte kümmern, also komm, du kannst ja gar nicht denken. Wo ich mir dann auch dachte: Ach Gott, sei’s drum. Red nur, was du willst.

Irgendwann fragte er, ob wir uns jemals in unserem Leben treffen mögen. Ich hab gesagt: Das kommt drauf an, wann du ein Konzert mit mir machst. Hab‘s also wieder auf die Konzertschiene gebracht. Da hat er zum ersten Mal gesagt: Nein, auch privat. Ich hab ihn gefragt, was wir denn privat machen sollen. Nach dem Motto: Wenn du was von mir willst, dann sag es frei raus. Dann kann ich auch offiziell Nein sagen.

Er wollte es wieder auf eine musikalische Ebene bringen. Ich hab ihm dann gesagt, dass ich ihn nicht treffen möchte, nichts von ihm will und er bitte aufhören solle. Ich glaube, das war eine große Kränkung für ihn, weil er gern angehimmelt werden möchte.

Danach kamen Beleidigungen am laufenden Band. Du hast ja eh keine Ahnung, du wirst es zu nichts bringen, ich hab Kontakte! Wo ich dann schon ins Überlegen kam: Ok, scheiße, wie gut sind seine Kontakte? Kann er mir wirklich was? Kann er mir den schwarzen Peter zuschieben, mir karrieretechnisch Möglichkeiten verbauen, mich schlechtreden? Kann er meinen Ruf schädigen, wenn er rumerzählt, die kann nicht singen, die ist unzuverlässig?

In der Nacht hab ich ihn blockiert. Ich wollte mit irgendjemandem darüber sprechen und mir Rat holen. Ich hab in eine Facebook-Gruppe mit Sänger*innen und Solist*innen gepostet, ohne zu sagen, auf wen ich mich beziehe. Ich hab die Geschichte nur kurz angerissen – und hatte ganz viele Kommentare und zehn Privatnachrichten. Von betroffenen Frauen, von Freundinnen betroffener Frauen, von Mitstudenten und Männern, die etwas mitgekriegt haben. Und alle haben den gleichen Namen genannt und das war der Name dieses Mannes.

Ich hab mich mit den betroffenen Frauen unterhalten und mit manchen telefoniert. Das ging bei denen teilweise sehr viel weiter als bei mir.

Wo verlaufen die Grenzen zwischen missglücktem Flirtversuch, arschlochhaftem Verhalten und Machtmissbrauch? Das finde ich hier schwer zu sagen, eben weil es so schnell von „Komm, wir singen ein Konzert“ zu „Was ist deine BH-Größe?“ ging.

Wenn mich einer anflirtet, hat das aus meiner Sicht nichts mehr mit dem Beruf zu tun. Da muss er sagen: Du, ich bin jetzt privat hier, ich find dich gut, wollen wir mal was trinken gehen? Dann sag ich: Du, so und so isses. Was nicht geht, ist eine Nachricht: Ich hör grad dieses Stück, das würde für dich gut passen, wollen wir das mal machen? Und übrigens, ich steh auf deine großen Brüste.  – Wo soll ich da die Grenze ziehen?

Es waren aber nicht nur diese sexuellen Dinge, sondern auch die Machtspielchen, das Kleinmachen: „Du kannst das eh nicht“ und „Ich werde dafür sorgen“. Ich glaube, in seinem Kopf ist das ganz normal, was er macht.

Er hat so ein Beuteschema: Ich habe Fotos gesehen von anderen Frauen. Grob gesagt: Die haben alle Rundungen, viele lockige Haare, viele ein rundliches Gesicht. Klein und süß. Vorne und hinten was dran. Auch zu meiner Figur kamen öfter Kommentare von ihm: Du fühlst dich nicht wohl, alle anderen finden, du bist zu fett, aber ich find dich toll, du könntest sogar noch dicker sein.

Psycho-Flirting. Ich dachte: Da kannst du mir jetzt nichts anhaben, ich fühl mich wohl, alles gut. Bei den anderen hat er das auch gemacht. Er hat sich gezielt Frauen gesucht, die wenig Selbstbewusstsein haben. Und er hat viele gefunden, die darauf angesprungen sind.

Im Nachhinein denk ich: Hätte ich sofort sagen sollen, du darfst mir keine Komplimente machen? Was eigentlich auch Quatsch ist. Ich hab mir oft überlegt: Hab ich was verkehrt gemacht? Hab ich ihm irgendwann zu verstehen gegeben, ich will das oder ich will noch mehr? Ich hab meinen Chat auch mal von Männern gegenlesen lassen. Die haben alle gesagt: Nein, nur weil du nicht gleich Nein gesagt hast, heißt das nicht, dass du ihm gleich alles erlaubst.

Vor diesem Vorfall hab ich gedacht: Mir passiert das nicht. Weil ich im echten Leben solche Probleme nicht hatte. Da bin ich laut und sag direkt: Verpiss dich. Oder: Lass mich in Ruhe. Als Sängerin denkt man, man muss sich ja auch ein bisschen benehmen. Dazu kommt beruflich dieses Hierarchiegefälle. Da ist der eine Chef über den anderen. Da merk ich auch, dass ich vielleicht nicht immer so reagiere, wie ich es privat machen würde.

Jetzt weiß ich, das kann jedem passieren. Wer weiß, wie viel man dann vielleicht doch mitmacht, obwohl man es eigentlich nicht möchte und sich unwohl fühlt. Da bin ich ein bisschen bewusster geworden. Ich finde, man muss auch ein Auge auf Kolleg*innen haben: Wie geht’s der gerade damit, ist die vielleicht nicht so stabil?

Wenn ich diesen Vorfall Nicht-Musikern erzähle, sagen die: Was bitte läuft denn bei euch? Das ist normal? Und keiner sagt was? Aber gut, für Außenstehende ist schon diese Vorsingsituation schwer zu verstehen: Du bist zu deutsch, du bist zu klein, du bist zu dick, du hast zu große Brüste, du hast zu kurze Beine, du bist zu blond, du bist so blauäugig… Das wird einem oft genauso gesagt. Bäm, bäm, bäm. Würde das jemand einer Buchhalterin im Bewerbungsgespräch sagen, wär der Teufel los.

Oft sind es aber gerade ältere Frauen, die so Kommentare raushauen: Ach, stell dich nicht so an. Du bist ja süß, darüber regst du dich auf? Hab dich mal nicht so, wenn ihr wüsstet, wie es früher war. – Das ist auch eine Generationensache. Solidarität entsteht eher unter Gleichaltrigen. Sängerinnen in meinem Alter haben für solche Situationen ein größeres Bewusstsein als ältere.

Bei den männlichen Kollegen haben offenbar wirklich ganz viele keinen blassen Schimmer, was passiert. Ich fände es aber wichtig, dass die auch ihre Antennen ausfahren. Ich glaube, der ein oder andere wäre sofort bereit zu sagen: Oh Gott, was ist denn da los? Ich helfe dir!

Solltest du akut gewaltbetroffen sein, wende dich bitte an eine Kontaktstelle. Mögliche Anlaufstellen:

Überregional, rund um die Uhr erreichbar:
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016
Telefonseelsorge: 0800 11 10 111 oder 0800 11 10 222

Regional in München:
Krisendienst Bayern: 0180 655 3000
Frauennotruf München (Mo-Fr. 10-13 Uhr und 15-21 Uhr, außer Mittwoch: 10-13 Uhr und 18-21 Uhr): 089 76 37 37
Wildwasser München e.V. (Mo 10-12 Uhr, Mi 16-18 Uhr, Do 14-16 Uhr): 089-600 39 331

Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche (Mo 10-12 Uhr, Mi & Do 10-12 Uhr und 15-17 Uhr): 030/23 63 20 20