Tänzerin Elodie Lavoignat bei den Proben zu RAPE & CULTURE – Foto: Max Ott

 

„Ich habe gespürt: Ich bin zu schwach, ich kann mich nicht wehren“

Für unsere Produktion RAPE & CULTURE haben wir Künstler*innen gebeten, uns von ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch zu erzählen. Hier spricht Anna, die in Wahrheit einen anderen Namen trägt

Gespräch: Tom Wilmersdörffer – Text: Philipp Nowotny

Meine Professorin kam aus einer anderen Stadt und wollte immer bei mir in der WG übernachten. Sie war nicht sexuell an mir interessiert, aber absolut übergriffig. Sie hat generell nur nackt geschlafen, 68er und so. Dann lag sie nackt in meinem Bett und ich wusste überhaupt nicht, damit umzugehen.

Später habe ich bei dieser berühmt-berüchtigten Japanerin studiert, die alle Schüler auf ein Hammerniveau brachte, aber eine grauenhafte Tyrannin war. Alles wurde ständig verdreht. Du konntest dich nicht richtig verhalten, auch wenn du es versucht hast. Es war nicht möglich.

Wir mussten so viel üben… Ich war davon noch am wenigsten betroffen, mich mochte sie. Die anderen hatten es deutlich schwerer. So lange spielen, bis man geblutet hat. Bis die Blasen aufgeplatzt sind. Weiterspielen, weiterspielen! Zum Ende der Stunde kriegt man mitgeteilt, dass man die Rechnung für die Reinigung zu übernehmen hat.

Das Falscheste war diese Art von Psychoterror. Dass man über Stunden die Wut und Willkür anderer Personen ertragen muss. Machtausübung, Freiheitsberaubung, geschlagen werden, auf jeden Fall nicht schön.

Dann kam ich zu einem anderen Professor, der hatte eine ganz andere Herangehensweise. Antiautoritär ohne Ende, aber eine der stärksten Klassen weltweit in seinem Bereich, weil er so inspirierend ist. Eine Person, wo jeder alles geben will, weil er charismatisch ist, ein toller Musiker, unglaublich klug.

Ich habe den geliebt, ich habe den hochgehalten. Der hat mir so gut getan. Ich hab mich musikalisch freigespielt. Weil auf einmal nur noch das Gefühl zählte. Die Perfektion kam so nebenbei.

Ich war die Auserwählte. Alle haben ihn bewundert, er ist unglaublich berühmt. Dann kommt der zu mir, bringt französische Ente mit Butterkartoffeln mit und wir sitzen im Garten. Er hatte auch eine romantische Ader.

Dann ging das los, dass es immer mehr wurde. Der hat alle Register gezogen. Ich war immer hilfloser und wusste nicht, was zu machen ist. Ich hatte zu dem Zeitpunkt keine Waffen, weil ich den so bewundert hab und irgendwie auch verknallt war. Nur war mir auch klar, dass ich nicht mit einem Mann, der über 50 ist, etwas anfangen kann. Ich konnte das nicht, auch körperlich. Ich wusste, das geht nicht. Und gleichzeitig wusste ich, ich bin in einem Abhängigkeitsverhältnis.

Nach Ablehnungen seiner Annäherungen ist mein Unterricht ausgefallen, natürlich. Er sagte, er hätte jetzt keine Zeit. Ich hatte wochenlang keinen Unterricht.

Im Auto fing er an, Pornos anzustellen. Während der Fahrt. Man will ja nicht unlocker sein, aber das war total unangemessen. Ich konnte nicht mehr. Es wurde mir so zu viel. Ich saß neben ihm im Auto und dieser furchtbare Porno lief und ich hab einfach nur geweint.

Er hat mir von anderen Studentinnen erzählt, wie weit er da gekommen ist. Es gab eine zweite Frau in der Klasse, da hatte er mehr Erfolg. Er hat mir ihre Sextapes vorgespielt.

Ich hab versucht, mit anderen Studenten Kontakt aufzunehmen. Aber die waren alle total geblendet. Das war halt er. Und alle hatten ihn lieb und keiner hat mir richtig zugehört.

Vor drei Jahren habe ich einen damaligen Studenten in Italien wiedergetroffen, er ist heute sehr bekannt. Wir sind mit seinem Cabrio durch die Stadt gefahren. Dann meinte er, er müsse jetzt unterrichten, es war schon 15 Uhr. Ich wollte nur kurz mein Handy bei ihm aufladen. Ich bin mit ihm in die Wohnung – und er hat versucht, mich zu vergewaltigen.

Ich habe gespürt: Ich bin zu schwach, ich kann mich nicht wehren. Ich will meinen Arm bewegen? Geht nicht. Was mach ich jetzt?

Ein paar Wochen später hat mich jemand gefragt, wie alt ich bin. Ich hab, ohne es zu beabsichtigen, ein Jahr weniger genannt. Weil das an meinem Geburtstag passiert ist. Den hab ich aus meinem Gedächtnis gestrichen.

Ich habe bis heute nichts gesagt, weil der eine zu große Macht hat. Einer Person hab ich es erzählt, die hat mit Kontaktabbruch reagiert.

Wie muss ich als Frau sein, um einfach nur in Ruhe gelassen zu werden? Darf ich jetzt nicht mehr offen sein? Ich hab tatsächlich versucht, mich zu ändern. Ich hab mir gesagt: „Du hast so eine offene Ausstrahlung, du bist bestimmt selber daran schuld, das Leute etwas in dich reinprojizieren. Wahrscheinlich hast du dem Hoffnungen gemacht, ohne es zu wissen.“

Es ist als Frau im musikalischen Bereich immer schwer, sich integer zu verhalten. Nicht in den Vorwurf zu kommen, „das erreicht die doch nur, weil …“. Darauf bin ich richtig stolz: Dass ich da, wo ich etwas hätte erreichen können, noch nicht mal geflirtet habe.

 

Solltest du akut gewaltbetroffen sein, wende dich bitte an eine Kontaktstelle. Mögliche Anlaufstellen:

Überregional, rund um die Uhr erreichbar:
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016
Telefonseelsorge: 0800 11 10 111 oder 0800 11 10 222

Regional in München:
Krisendienst Bayern: 0180 655 3000
Frauennotruf München (Mo-Fr. 10-13 Uhr und 15-21 Uhr, außer Mittwoch: 10-13 Uhr und 18-21 Uhr): 089 76 37 37
Wildwasser München e.V. (Mo 10-12 Uhr, Mi 16-18 Uhr, Do 14-16 Uhr): 089-600 39 331

Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche (Mo 10-12 Uhr, Mi & Do 10-12 Uhr und 15-17 Uhr): 030/23 63 20 20