Die Tänzer*innen Sade Mamedova, Shi-Ping Lin, Elodie Lavoignat und Alfonso Fernández Sánchez bei den Proben zu RAPE & CULTURE – Foto: Max Ott

 

„Das glaub ich dir nicht“

Für unsere Produktion RAPE & CULTURE haben wir Künstler*innen gebeten, uns von ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch zu erzählen. Hier spricht Corinna, die in Wahrheit einen anderen Namen trägt

Gespräch: Tom Wilmersdörffer – Redaktion: Philipp Nowotny

Im Opernbereich schlagen Leute grundsätzlich gerne mal über die Stränge, was körperliche Nähe angeht. Damit muss jeder bis zu einem bestimmten Punkt selbst klarkommen. Manchmal muss man eben sagen: Hey, jetzt reicht es aber. Worüber wir aber sprechen sollten, sind institutionelle Probleme, gerade das institutionelle Weggucken. Denn da geht es nicht mehr nur um den Einzelnen.

Ich selbst habe eine blöde Geschichte im Vorfeld einer internationalen Tournee erlebt. Wir hatten die erste Probe mit dem Projektorchester. Da waren gute Leute drin, teilweise von der Hochschule, teilweise vom Rundfunkorchester, teilweise Leute, die jemand empfohlen hatte. Die Probe war in einer recht weitläufigen Schule. Ich habe mich weit weg vom Orchesterlärm eingesungen. Aus irgendwelchen Gründen war in dem Trakt plötzlich ein junger Kerl, den ich nicht kannte.

Er sagte, er sei der Schlagzeuger des Projektorchesters, was sich später auch als richtig rausstellte. Während ich sang, guckte er mich an, mit Begehren in den Augen, was man ihm ja erstmal nicht weiter verübeln kann. Das darf jeder machen, wenn es nach mir geht.

Dann hat er mich am Arm gefasst und zu sich hingezogen. Zuerst habe ich gedacht, das ist ja interessant, das hatte ich so auch noch nicht. Ich fand das im ersten Moment ganz spannend, bin aber davon ausgegangen, dass er damit auch sofort wieder aufhört. Beide lachen, er geht wieder und dann ist gut. Eine Schäkerei, hab ich gedacht.

Das war aber nicht so, der hörte nicht auf. Der hörte nicht auf und wollte mich küssen. Ich hab mich weggedreht und etwas gesagt wie: „Nee, lass mal. Das ist jetzt gerade nicht passend.“ Bisschen sich am Arm anfassen und schäkern, da wäre ich noch mit dabei gewesen, aber so nicht.

Im Nachhinein sucht man immer den Grund bei sich selbst, was ja total bescheuert ist. In dem Moment, wo der mich versucht hat zu küssen, habe ich ja gleich gesagt, das möchte ich nicht. Aber man sucht trotzdem den Grund, wie eine Situation so eskalieren kann, bei sich selbst, warum auch immer.

Im Nachhinein denke ich, ich hätte wahrscheinlich nicht mitschäkern dürfen. In dieser Situation war das offensichtlich das völlig falsche Signal. Er hat versucht mich zu küssen. Ich hab mich weggedreht. Er hat mich fester gehalten. Und ich hab versucht, mich da rauszuwinden und alles wegzulachen.

Ich singe mich gerne ein mit meinem Aufnahmegerät in der Hand, von dem ich Übungen abspiele. Dieses Aufnahmegerät hatte ich immer noch in der Hand, ich hatte also nur einen Arm richtig frei. Das Ding ist nicht gerade günstig, ich wollte es nicht auf den Boden donnern und ihm eine klatschen. Ich hatte den Ernst der Lage noch nicht erkannt.

Es ging vielleicht eine Minute hin und her. Ich hab versucht, das wegzulachen und abzuwehren. Dann hab ich diesem Typen angeguckt, ich weiß wirklich nicht mehr, wie der heißt, ich hab das völlig verdrängt. Ich merkte, da stimmt was nicht. Der hatte einen Blick, als ob er halb wahnsinnig ist. Wie ein Tier, das nach Beute sucht. Das war total komisch.

Da ist mir klar geworden, da müssen Drogen im Spiel sein. Der ist irgendwie sonst wo. So guckt kein normaler Mensch, zumindest nicht in meiner kleinen, dummen, weißen, behüteten Welt. Da hab ich Angst gekriegt.

Ich habe versucht, das Aufnahmegerät auf einen Tisch zu legen. Er hat angefangen, mich an sich zu drücken. Ich hab versucht, ihn wegzudrücken. Er hat angefangen, an seiner Hose rumzumachen, sie aufzumachen. Ich hatte wahnsinnige Angst und wahnsinnig Herzklopfen.

Besonders schlimm war, dass der so eine Riesenkraft hatte. Ich bin eigentlich jemand mit einer richtig kräftigen Stimme und einem richtig kräftigen Körper. Ich habe lange Kampfsport gemacht und richtig viel Kraft, viel mehr Kraft als mein Freund. Aber dieser Typ hatte eine Irrenkraft. Vielleicht dadurch, dass er irgendwie sonst wo war. Ich kam da nicht los. Der hat mich einfach festgehalten.

Rational mit dem zu reden, das ging nicht. Ich hab es versucht: „Hey, lass mal, wir hören auf“. Ich hab argumentiert: „Ach komm, wir machen das nicht hier, wir suchen uns irgendwo was Gemütliches“. Man versucht verschiedene Strategien, um da rauszukommen, aber das hat’s auch nicht besser gemacht. Das hat alles nicht funktioniert.

Ich hatte das Gefühl, je mehr ich mich wehre, desto mehr Kraft kommt von ihm, desto mehr fühlt er sich auch sexuell angesprochen. Ich wusste nicht mehr weiter. Der hat mich über seine Schulter geworfen, wie so einen Sack. Hat mich da festgehalten und ich kam nicht weg.

Mir war klar, der will jetzt mit mir da um die Ecke gehen, in einen anderen Gebäudetrakt. Dann hab ich wenig Chancen, aus der Nummer rauszukommen, ohne ihm körperlich nachhaltig weh zu tun. Natürlich hätte ich noch Möglichkeiten gehabt. Es gibt die allerkrassesten Sachen. Finger in die Augen stechen, aufs Ohr hauen, dass das Trommelfell platzt, oder ganz doll in den Penis beißen.

Ich hab aber versucht, die Geschichte zu deeskalieren. Heute denke ich, wenn ich nochmal in so einer Situation bin … Ich hab da eine fatalistische Seite. Bevor mich jemand wirklich vergewaltigt, überlege ich mir was. Ob der danach weiterlebt oder halb behindert ist, das ist mir dann auch egal.

Aber man hat auch Angst, wenn da jemand so gar nicht zurechnungsfähig ist. Wenn ich ihm ernsthaft was tu – ob er mir nicht auch ernsthaft was tut? Der war einfach wahnsinnig viel stärker. Deswegen weiß ich nicht, wie es weiter ausgegangen wäre.

Aber in dem Moment, als ich quasi als Sack auf seiner Schulter war und er losging, kam die Orchestermanagerin, die sich gefragt hatte, warum ich nicht zur Probe kam. Ich hätte schon zehn Minuten vorher da sein sollen, um meine Arie zu singen. Die kam nach mir gucken. Das war mein Glück.

Ich war völlig fertig. Die Orchestermanagerin war auch erschrocken und hat gefragt, was denn los sei. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. „Der wollte mir was antun, der wollte mir an die Wäsche, und zwar nicht auf die nette Art.“ Man spielt das runter.

Ich war gleichzeitig wahnsinnig erleichtert, aber auch total im Schock. Die letzten fünf Minuten waren ein Dauerkampf gewesen mit diesem Typen. Ich hatte noch den Gedanken: „Was, wenn das ein Mädel gewesen wäre, das nicht so viel Kraft hat wie ich?“ Man glaubt mir das immer nicht, aber ich bin stark. Andere wären da nicht gegen angekommen.

Ich hab erstmal nicht geprobt. Die Managerin hat gesagt: „Du, dann lassen wir erstmal den Bariton seine Sachen machen, komm du erstmal zur Ruhe, geh raus.“ Dann saß ich da und mir wurde das alles langsam klar. Dass der seine Hose aufhatte und mir an die Brust gefasst hatte, immer wieder und wieder. Dass der versucht hatte, mich überall zu küssen. Es war alles wahnsinnig ekelig. Dass da jemand gerade einfach wirklich alle Grenzen überschritten hatte. Dass ich mega viel Glück gehabt hatte und an einer richtigen Vergewaltigung vorbeigeschrappt war.

Dann konnte ich das der Orchestermanagerin erzählen. Erst sagte sie: „Ach, das kann doch nicht sein, das ist doch nicht möglich, sind doch alles vernünftige Leute hier“. Ich solle nicht so übertreiben. „Wird doch alles nicht so wild gewesen sein“. Ich kannte sie aber ein bisschen privat und hab gesagt: „Doch, das war kein Rumschäkern, kein Flirten, ich hatte richtig Angst.“ Und egal wie es jetzt weiterginge, wir dürften den nicht mitnehmen auf Tournee. „Der spinnt total.“

Sie ist zu dem hingegangen und wollte mit dem reden und wissen, was war. Der lief da draußen um die Schule rum. Da hat sie gemerkt, dass der nicht zurechnungsfähig war, ein irrer Blick, völlig durchgeschossen.

Sie hat mir geglaubt und gesagt, wir müssten einen Weg finden, dass wir den Schlagzeuger nicht mitnehmen, ohne einen großen Wirbel zu machen. Die war sehr darauf bedacht, dass das alles unter der Hand geklärt wird. Dass das alles, wenn es geht, möglichst keiner mitkriegt und der dann einfach irgendwie verschwindet und die Probleme sich von selbst auflösen.

Ich hatte das Gefühl, ich bin aus dem Gröbsten raus. Ich hab mich zusammengerissen und weitergeprobt. Er war nicht bei der Probe dabei, sondern ist weiter draußen um die Schule in der Gegend rumgelaufen, es gab noch drei andere Schlagzeuger im Orchester.

Nach der Probe habe ich gemeinsam mit der Orchestermanagerin mit dem Dirigenten gesprochen. Das war das Krasse. Dass er gesagt hat: „Das glaube ich euch nicht.“ Er sagte, er sehe das überhaupt nicht ein, auf den Schlagzeuger zu verzichten, er brauche den. Das ich mit irgendeinem um die Ecke gehe, das traue er mir zu. „Solche Vorgänge unter jungen Leuten, das muss man alles nicht überdramatisieren.“ Das könne er in seiner Position nicht ernstnehmen. Sowas hat er gesagt.

Wir haben aber weitergeredet, bis er sagte, er würde nochmal mit dem reden. Ich dachte, na gut, dann wird der Dirigent selbst sehen, dass der Typ total plemplem ist.

Am nächsten Tag kam ich wieder zur Probe – und dann saß der da. Der Typ im Orchester. Das kann doch nicht sein? Wieso komm ich da zur Probe und mir sagt keiner was?

Ich bin ich als erstes zum Dirigenten und hab gesagt: „Hab ich irgendwas verpasst? Du wolltest doch mit dem reden?!“ – „Ja, ich hatte noch keine Zeit.“ – „Das geht so nicht. Ich prob‘ hier nicht.“ – „Stell dich nicht so an, ihr immer mit eurem Diven-Gehabe, ihr Soprane…“ – „Ich will mit dem nicht in einem Raum sein. Ich halte das nicht aus, was soll das?“ Dann hat er gesagt: „Ok, ich red in der Pause mit ihm.“ Und: „Kannst du dich noch so weit zusammenreißen?“

Ich hab tatsächlich geprobt. Und hab nur gedacht, das fühlt sich total falsch an. Ich fühl mich von dem Typen beobachtet und wieder wie ein Stück wildes Tier. Ich wollte aber auch keinen Riesenaufstand machen. Die anderen im Orchester brauchen ja auch ihre Probenzeit, und es ist ja nicht mehr lange hin zur Tournee.

In der Pause hat der Dirigent dann mit dem geredet und kam danach zu mir: „Also, er hat eingesehen, dass das nicht so ganz richtig war, was er gemacht hat, und es wird nicht wieder vorkommen.“ Darauf hab ich gesagt: „Jetzt reicht’s. Entweder ich komm nicht mit, sucht euch einfach ´ne andere Sopranistin, oder der kommt nicht mit. Schluss jetzt.“

Der Dirigent: „Aber das geht doch nicht, du kannst jetzt nicht plötzlich absagen, wir haben doch einen Vertrag.“ Darauf ich: „Natürlich kann ich das, wenn ihr meinen Schutz nicht ernst nehmt, dann kann ich mit euch nicht mitfahren. Ich kann es nicht verantworten, dass dieser Mensch mitkommt. Wenn er mit mir so umgeht, dann ist er auch bereit, mit anderen Frauen so umzugehen.“

Der Dirigent hat mich weiter nicht ernst genommen: „Wir wollen dich bitten, doch bitte bei der Probe weiter mitzumachen und jetzt bitte nicht so einen Terz zu machen.“

Dann habe ich gesagt: „Wir können das auch anders machen. Ich kann die Polizei rufen und das hier vor Ort anzeigen. Ich erzähle denen das haarklein. Entscheidet euch einfach.“

Unser Dirigent war richtig sauer. Der war stinksauer. Aber erst, als ich die Polizei ins Spiel brachte, hat er angefangen, mir zu glauben. Mit anderen Worten: Vorher war das eine Lappalie. Erst wenn man sagt, das ist was, was man der Polizei erzählen könnte, wird man ernstgenommen.

Die Orchestermanagerin und der Dirigent haben sich zusammengesetzt, die Probe hat pausiert. Sie haben nochmal mit dem Typen geredet und der ist nach Hause gegangen. Wir sind auf Tournee gefahren.

Ich glaube, am Ende tat’s dem Dirigenten auch leid, dass er das nicht verstanden hat, was wir versucht haben, ihm zu erzählen. Ich kann mir vorstellen, dass er sowas vorher noch nicht erlebt hat. Falls er nochmal in so eine Situation kommen sollte, kann er vielleicht unvoreingenommener reagieren. Während der Tournee war unser Verhältnis ein bisschen angespannt, nicht mehr ganz so unbefangen wie vorher. Aber das war in Ordnung. Es war sehr professionell, und das ist ok.

Die Mädels im Orchester, die Kolleginnen, haben ganz viel Solidarität gezeigt, als ich die Geschichte erzählt habe. Erstaunlich viel Schweigsamkeit kam von den Kollegen. Das hätte ich so auch nicht gedacht, aber es war so. Bis auf einen, das war der Schlagzeuger, der den Typen empfohlen hatte. Der kam zu mir und hat gesagt, er hätte was gehört, und was war denn da? Das tat dem wahnsinnig leid.

Ich hab den Typen nicht angezeigt, ich wollte einfach nichts mehr davon wissen. Dann hätte ich dem nochmal gegenübersitzen müssen. Irgendwo wünsche ich diesem jungen Kerl, dass der noch die Kurve kriegt und sowas nicht nochmal macht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich den heute erkennen würde. Ich hab das richtig gestrichen, das Gesicht. Ich weiß nur noch, wie die Augen ausgesehen haben.

Wenige Wochen nach dieser versuchten Vergewaltigung musste ich einen weiteren sexuellen Übergriff erleben. Danach habe ich eine Traumatherapie gemacht, die mir sehr geholfen hat. Dabei habe ich etwas erfahren, dass nicht nur mich betrifft. Wie viele andere jungen Frauen habe ich früher zu viele Dinge mit mir machen lassen. Um des guten Willens wegen, damit die Dinge nicht eskalieren und Situationen nicht hochkochen.

Früher hätte ich es weggelacht, wenn jemand den Arm um mich legt, ein bisschen zu weit greift und die halbe Hand auf meiner Brust hat. Heute nehme ich die Hand weg und klatsch sie demjenigen an die Hose und sage, dass das nicht ok ist. Es gab in den letzten Jahren solche Situationen, wo Dirigenten oder Regisseure gerne mal an den Po gefasst haben. Ich hab klar gesagt, dass ich das nicht möchte – und ich bin jeweils nicht wieder engagiert worden. Was aber nichts heißen muss.

Heute gucke ich mich um, wenn ich mich einsinge. Weil ich weiß, dass sexuelle Gewalt viel schneller passieren kann, wenn man allein ist. Es ist eine gewisse Leichtigkeit verloren gegangen. Vielleicht leben wir einfach in einer Welt, in der man sich von Zeit zu Zeit mal umgucken muss.

Solltest du akut gewaltbetroffen sein, wende dich bitte an eine Kontaktstelle. Mögliche Anlaufstellen:

Überregional, rund um die Uhr erreichbar:
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016
Telefonseelsorge: 0800 11 10 111 oder 0800 11 10 222

Regional in München:
Krisendienst Bayern: 0180 655 3000
Frauennotruf München (Mo-Fr. 10-13 Uhr und 15-21 Uhr, außer Mittwoch: 10-13 Uhr und 18-21 Uhr): 089 76 37 37
Wildwasser München e.V. (Mo 10-12 Uhr, Mi 16-18 Uhr, Do 14-16 Uhr): 089-600 39 331

Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche (Mo 10-12 Uhr, Mi & Do 10-12 Uhr und 15-17 Uhr): 030/23 63 20 20