Abgründe

Programm
Concerto for string orchestra von Grażyna Bacewicz
Ernste Gesänge von Hanns Eisler
Verklärte Nacht von Arnold Schönberg

Mitwirkende
Johannes Kammler (Bariton)
Johanna Pichlmair (Konzertmeisterin)
mit dem HIDALGO Festivalorchester
Johanna Malangré (Leitung)

Einlass
19.30 Uhr

Inhalt
Das HIDALGO Festivalorchester spielt in einer Kletterhalle abgründige Werke von Bacewicz, Eisler und Schönberg. Die jungen Instrumentalist*innen unter Dirigentin Johanna Malangré stammen unter anderem aus dem BR-Symphonieorchester, dem Bayerischen Staatsorchester und den Berliner Philharmonikern. Das Publikum sitzt direkt an Orchester und Bariton Johannes Kammler (Staatsoper Stuttgart) – soweit es die Hygieneregeln erlauben.

 

Sturz in die Schlucht

Wir Menschen haben das Urbedürfnis, uns auszudrücken. Wir wollen mitteilen, was wir innerlich erleben. Auch Unausgesprochenes wie Scham, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit muss aus uns heraus. Die Kunst hat die Aufgabe, diese verborgene Welt sichtbar, tastbar und hörbar zu machen. Und weil unser Leben in Wirklichkeit kein Instagram-Feed ist, muss die Musik, unsere Musik, nicht belanglos schön sein, sondern rau, echt und nah. Unser Konzertsaal ist kein musealer Tempel, sondern eine Kletterhalle, wo sonst Menschen schwitzen. Hier versuchen sie, Körper und Geist zu überwinden und unmögliche Züge zu schaffen. Am Ende stürzen sie, und das wissen sie.

In ABGRÜNDE stürzen wir, Orchester und Publikum, in tiefe Schluchten. Wir sitzen zwischen Boulder-Wänden, die sich über uns wie in einem Canyon erheben. Wir hören das »Concerto for String Orchestra«, mit dem die polnische Komponistin Grażyna Bacewicz 1948 die Grenzen des Streichorchesters auslotete. Ein Werk voll atemloser, mutiger Energie, das wahnsinnig schwer zu spielen ist, aber alle erdenklichen Farben sprüht: jagend rasant, dann warm und weich, gleich wieder gespenstisch fahl, oft drängend tanzend. Wir hören die »Ernsten Gesänge« von Hanns Eisler, der mit fast wissenschaftlicher Kühle lakonische Bitterkeit, Desillusion und Resignation sezierte – was vielleicht schlimmer ist, als wenn man noch die Kraft hätte, sein Leid herauszuschreien.

Die Lieder mit Bariton sind sparsam instrumentiert und klingen wie unter einer dumpfen, grauen Wolke über dem DDR-Berlin, in dem Eisler ein paar Monate nach der Erstaufführung 1962 starb. Schlussendlich erreichen wir mit Arnold Schönbergs »Verklärter Nacht« den Tiefpunkt und alles, was an Finsternis, Angst und Fehlern eines Menschen vorstellbar ist. Der 25-jährige Schönberg, der später die atonale Zwölftonmusik prägte, stand hier 1899 selbst am Rande des Abgrunds: Das Werk ist hochromantisch, aber man spürt schon die Neigung, alles zusammenbrechen zu lassen.

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