„Wir suchen das Rohe, Ehrliche, Ungeschminkte“

Streicher, Schlagwerk, Todeskampf – das HIDALGO Festivalorchester eröffnet die R*Evolution bei ORCHESTRA FOR FUTURE mit einem düster-wilden Meisterwerk des russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch. Dirigentin JOHANNA MALANGRÉ erklärt uns, was sie an diesem Stück des Schreckens und seiner kämpferischen Botschaft begeistert

Interview: Annemarie Lehmbruck – Foto: Zuzanna Specjal

 

Johanna, wie passt die 14. Sinfonie von Schostakowitsch zum Festival-Thema „R*Evolution“?

Schostakowitsch ist ein Komponist, dem das Revolutionäre in der DNA liegt. Er will in allen seinen Stücken Grenzen sprengen, sich auflehnen gegen Ungerechtigkeiten und gegen das System, in seinem Fall die kommunistische Diktatur in der Sowjetunion. Jede seiner Sinfonien ist eine Antwort auf das, was politisch in dem Land passierte und wie die Menschen davon betroffen waren. In der 14. Sinfonie wehrt sich Schostakowitsch ganz besonders gegen die Ungerechtigkeit des Todes.

Inwiefern ist dieses Werk also politisch?

Es ist ein Kunstwerk, das eine Haltung ausdrückt. Es ist keine journalistische Dokumentation, die von Ungerechtigkeiten berichtet. Hier wird mit der Musik vielmehr ein innerer Zustand ausgedrückt, der auch die Hörer*innen im Idealfall innerlich beschäftigt. Und vielleicht beeinflusst das manche auch so stark, dass sich dieses Kunsterlebnis später in Taten und Handlungen ausdrückt – dass es also das Verhalten von Menschen ändert.

Was hat die 14. Sinfonie mit „ökologischer Nachhaltigkeit“ zu tun?

Dem Komponisten ging es 1969 sicher um etwas anderes: Er hat sich inspirieren lassen von Modest Mussorgskys „Lieder und Tänze des Todes“ und vom „War Requiem“ von Benjamin Britten, der damit die Schrecken des Zweiten Weltkriegs verarbeitete. Er lehnt sich gegen den gewaltsamen Tod auf, den Menschen erleiden, sei es durch Unterdrückung, Willkür oder Krieg. Wir beziehen das beim HIDALGO jetzt und in unserem Heute auf den Klimawandel, auf unseren Umgang mit unserer Umwelt. Das Stück ist schwarz und pessimistisch – und kein bisschen versöhnlich. Es gibt kein „Am Ende wird alles gut“. Die Musik sagt, dass wir unzufrieden bleiben müssen. Das ist der Punkt, an dem wir andocken.

Muss ich mich auf das Konzert vorbereiten, um es zu verstehen? Bücher über den Komponisten lesen, andere Werke hören?

Nein. Diese 14. Sinfonie ist unglaublich direkt, da braucht es kein intellektuelles Vorwissen. Die Musik reißt uns sofort mit.

Warum?

Weil Schostakowitsch ein unglaublich guter Komponist ist – so einfach ist das. Wie breit und weich er die Streicher nutzt, die die Fläche bespielen. Wie behutsam er die Percussions einsetzt, die dem Werk ein vertikales Gerüst geben.

Die 14. Sinfonie ist besetzt mit Streichern und Schlagwerk, mit einer Sopranistin und einem Bass. Das ist eine ungewöhnliche Besetzung …

… und eine sehr spannende, auch für mich als Dirigentin. Der Kontrast zwischen hohen und tiefen Stimmen ist phänomenal!

Die Musik ist aber auch sehr unbequem, richtig?

Ja, beim HIDALGO gibt es nie bequeme Konzerte. Man muss nicht immer Spaß haben, es kann auch eine Schönheit geben im Tiefgang, im Ernst und im sehr Persönlichen der Musik. Das ist das, was wir immer suchen: dieses Rohe, Ehrliche, Ungeschminkte. Das steckt in allen unseren Programmen – und das schätzt unser Publikum. Wenn man nach echter, wahrhaftiger Musik sucht, ist man bei uns richtig.