Die Tänzer*innen Alfonso Fernández Sánchez und Sade Mamedova mit Sopranistin Ketevan Chuntishvili bei den Proben zu RAPE & CULTURE – Foto: Max Ott

 

„Es müssen sich viel mehr Betroffene beschweren“

Für RAPE & CULTURE haben wir uns im Vorfeld von der Themis-Vertrauensstelle beraten lassen. Seit 2018 unterstützen die Mitarbeiter*innen Menschen aus dem Kulturbereich, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Vorsitzende EVA HUBERT erklärt uns im Gespräch, ob Übergriffigkeit männlich ist, welche Situationen besonders gefährlich sind und was endlich gegen Machtmissbrauch getan werden muss

Interview: Cosima ObertPhilipp Nowotny

 

HIDALGO: Frau Hubert, was ist sexualisierte Gewalt?

Eva Hubert: Sexualisierte Gewalt kann sich auf verschiedenen Ebenen ausdrücken, verbal und nonverbal. Das können Witze, anzügliche Sprüche und vergiftete Komplimente sein. Das kann der per Mail zugeschickte Porno oder unangenehmes Anstarren und Hinterherpfeifen sein. Das können Berührungen bis hin zu richtiger physischer Gewalt sein. Grundsätzlich würde ich unter den Begriff der sexualisierten Gewalt alles fassen, was auch im Allgemeinen Gleichstellungsgesetz steht.

 

Themis-Vorsitzende Eva Hubert – Bild: Bina Engel

Themis-Vorsitzende Eva Hubert – Bild: Bina Engel

 

Manche sprechen bei sexualisierter Gewalt von einem gewissen Graubereich. Wann ist es noch ein Flirt, wann ein Übergriff?

Diesen Graubereich gibt es sicher, denn sexualisierte Gewalt hat auch etwas mit der subjektiven Wahrnehmung zu tun. Manche empfinden etwas als schmuddelig und anzüglich, was andere vielleicht als lustig empfinden. Untersuchungen zeigen aber, dass die Menschen eigentlich relativ klar erkennen, wann Grenzen überschritten werden. Wer andere zum Beispiel mit unangenehmen Berührungen überfällt, will meist die Abwehrreaktion der anderen Person nicht wahrnehmen.

Sie sprechen bei Themis bewusst von „Betroffenen“ statt „Opfern“ und von „Beschuldigten“ statt „Tätern“, warum?

Diese Begriffe drücken den Fällen einen sehr starken Stempel auf. Deswegen setzen wir einen anderen Rahmen, in dem mit unseren Beraterinnen geklärt werden kann, wer sich wie viel zu Schulden hat kommen lassen und welche Konsequenzen es braucht, diese Situation aufzulösen.

Warum wird sexualisierte Gewalt ausgeübt?

In den meisten Fällen, in denen die Themis-Vertrauensstelle tätig ist, möchte jemand Macht ausüben und dominieren. Es geht also gar nicht darum, dass man sexuellen Kontakt haben will. Vielmehr will die sexuelle Gewalt ausübende Person zeigen, dass sie der große Zampano in der Begegnung ist.

Macht es aus Ihrer Sicht Sinn, sich die Motivation von Tätern anzuschauen?

Ja sicher. Um zu wissen, wo man gegensteuern muss. Diejenigen, die dieses Gehabe draufhaben, sollen auch lernen können, das zu lassen.

Ist sexualisierte Gewalt männlich?

Jein. In über 90 Prozent der Fälle geht der Übergriff von Männern aus, und die Mehrheit davon sitzt in einer höheren Position als die Betroffenen. Aber es gibt auch Fälle, in denen Frauen sexuell übergriffig geworden sind. Von daher wäre es zu einfach zu sagen, es wäre ausschließlich ein männliches Problem. Es ist ein Machtproblem.

Was macht ein Übergriff mit den Betroffenen?

Das kommt darauf an, wie gut sich Betroffene wehren können. Manchmal reicht ein „Komm, lass mal“ aus, um die Situation zu klären. Wir sehen aber immer wieder, dass Übergriffe ständig im Kopf der Betroffenen weiterarbeiten, dass sie sich unsicher fühlen, dass ihr Selbstbewusstsein angekratzt ist.

In welcher Situation wenden sich Betroffene an Themis?

Manche wollen nur für sich selbst klarkriegen, ob das, was sie erlebt haben, in die Kategorie der sexuellen Belästigung einzuordnen ist. Dann gibt es aber auch Fälle, in denen Personen traumatisiert sind, seit Monaten nicht mehr schlafen können, und dann von uns den Ratschlag bekommen, sich an eine psychosoziale Beratungsstelle zu wenden. Meistens möchten die Betroffenen anonym bleiben.

Das zeigt, wie groß die Angst ist.

Klar, das ist das Bedauerlichste daran. Niemand will diesen Stempel bekommen, man sei so eine, die sich immer so viel beschwert.

Sie sagen, sexualisierte Gewalt sei im Kulturbereich ein strukturelles Problem.

Weil wir viele fragile Beschäftigungsverhältnisse haben, oft viele Jobs nacheinander machen, man sich immer wieder neu bewerben muss. Oft entscheidet nur eine oder sehr wenige Personen darüber, ob ich beruflich vorwärtskomme oder nicht.

Gibt es typische Beziehungskonstellationen, die für sexualisierte Gewalt anfällig sind?

Ja, im Film ist es das Verhältnis zwischen junger Schauspielerin und Intendant, Regisseur oder Produktionsleitung. Einer hat die Macht, einen Job zu vergeben, und fordert dafür Gefälligkeiten ein.

Wie verbreitet ist dieses Verhalten?

Darüber liegen keine Studien vor. Es gibt eine Untersuchung an Schweizer Theatern, in der 80 Prozent der Frauen sagten, sie wären in den letzten Jahren sexuell belästigt worden. Grundsätzlich beobachten wir: Sobald in einem Bereich ein Fall von sexualisierter Gewalt öffentlich wird, melden sich danach aus diesem Bereich immer mehr Betroffene bei uns, die Dunkelziffer ist also hoch.

Man spricht auch von der „Mauer des Schweigens“, also dass jeder weiß, da ist etwas faul, aber niemand macht was.

Besonders deutlich ist das im Fall des Regisseurs Dieter Wedel. Da hör ich immer wieder „Mein Gott, das wussten doch alle“. Wobei das Wissen verteilt scheint. Die einen sagen, man wusste, dass er die Leute gemobbt, gedemütigt und vor dem gesamten Team am Set runtergebrüllt hat. Dass er sich dann auch immer Frauen rausgegriffen hat, mit denen er ins Bett wollte, dazu halten sich die meisten, die für ihn gearbeitet haben, bedeckt. Wenn ich als Aufnahmeleiter oder als Kostümbildnerin da was mitkriege, habe ich natürlich Angst, was zu sagen, weil man dann vielleicht selbst seinen Job los ist.

Was muss konkret getan werden, um dem strukturellen Problem der sexualisierten Gewalt besser zu begegnen?

Ich wünsche mir, dass viel mehr Betroffene sich beschweren, wenn sie belästigt werden, dass dies ganz selbstverständlich ist. Auf der anderen Seite müssen die Arbeitgeber besser mit solchen Beschwerden umgehen, sie dürfen keine negativen Folgen für die Beschwerdeführer haben.

Wie kommen wir da hin?

Indem wir viel drüber reden. Jede Aufmerksamkeit für das Thema ist wichtig, daher finde ich auch ihre Produktion gut. Da muss insgesamt noch mehr passieren. Wir müssen bei den Jungen anfangen und zum Beispiel in den Musikhochschulen darüber aufklären, welche Situationen entstehen können, wie man sich verhalten und wohin man sich wenden kann.

Solltest du akut gewaltbetroffen sein, wende dich bitte an eine Kontaktstelle. Mögliche Anlaufstellen:

Überregional, rund um die Uhr erreichbar:
Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016
Telefonseelsorge: 0800 11 10 111 oder 0800 11 10 222

Regional in München:
Krisendienst Bayern: 0180 655 3000
Frauennotruf München (Mo-Fr. 10-13 Uhr und 15-21 Uhr, außer Mittwoch: 10-13 Uhr und 18-21 Uhr): 089 76 37 37
Wildwasser München e.V. (Mo 10-12 Uhr, Mi 16-18 Uhr, Do 14-16 Uhr): 089-600 39 331

Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche (Mo 10-12 Uhr, Mi & Do 10-12 Uhr und 15-17 Uhr): 030/23 63 20 20